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Blick in die Praxis 2020/3

Zwischen Kurzarbeit und Fachkräftemangel

Marianne Röhricht, Ressortleiterin Bildung, Swissmem

In der MEM-Branche zeigte der BSS-Fachkräfteindex in den vergangenen Jahren den zweitgrössten Fachkräftemangel, nur in der ICT-Branche fehlten mehr Fachleute. Nun ist Ihre Branche sehr stark von der Corona-Krise betroffen. Wechseln Sie von einem Fachkräftemangel zu einem Fachkräfteüberschuss?

Nein, die Zahl der ausgeschriebenen Stellen ging zwar zurück. Fachspezialisten, auf welche die Unternehmen essenziell angewiesen sind, suchen die Firmen aber nach wie vor. Die Krise geht für manche Firmen ans Eingemachte. Daher wird insgesamt weniger rekrutiert, und die Unternehmen sind bei der Einstellung neuer Mitarbeiten- der sehr zurückhaltend.

 

Suchen Firmen heute anders als vor der Krise?

Das ist schon so. Profile werden enger gefasst, es wird engmaschiger gesucht. Zudem zu bedenken ist dabei: Auch in unserer Branche haben diverse Unternehmen Kurzarbeit eingeführt. In diesen Fällen ist es selbsterklärend, dass kein Personalaufbau erfolgt. Auf der anderen Seite hat sich auch das Verhalten der Fachkräfte verändert. Wegen der allgemeinen Unsicherheit sind die Leute bezüglich eines Stellenwechsels zurückhaltend.

 

In der Vergangenheit haben Ihre Firmen viele Fachspezialisten im Ausland gefunden. Jetzt waren die Grenzen wochenlang zu.

Die Rekrutierung aus dem Ausland musste man stoppen. Das erschwert die Fachkräftesituation zusätzlich.

 

Wird sich durch die Krise bei Ihren Mitgliedern bezüglich Fachkräftemangels langfristig etwas ändern?

Wenn sich die Wirtschaft rasch erholt und die Firmen ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit z. B. mit digitalen Massnahmen steigern können, wird der Fachkräftemangel voraussichtlich wieder auf ein vergleichbares oder höheres Niveau als vor der Krise ansteigen. Sollte sich der Wirtschaftsrückgang in einer langfristigen Krise manifestieren, könnte der Druck bezüglich der Fachkräfte abnehmen.

 

Was tun Sie als Verband gegen den Fachkräftemangel derzeit?

Swissmem ist schon seit längerer Zeit aktiv, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Diese Massnahmen haben einen langfristigen Fokus und bleiben derzeit unverändert gültig. Zudem beobachtet Swissmem die Situation sehr genau und definiert neue Massnahmen, falls sich dies als notwendig erweisen sollte. Der Verband rechnet mit einer langfristigen Erholung und geht deshalb auch von einem erneuten Anstieg des Bedarfs an Fachkräften aus.

Bei der Gewinnung neuer Fachkräfte spielen Lernende eine wichtige Rolle. Momentan gibt es kein Indiz, dass die Zahl der Lehrstellen abgenommen hat. Swissmem sensibilisiert die Mitglieder, dass die Anstellung von Lernenden sowie die Weiterbildung generell wichtig sind und in der momentanen Situation erst recht. Aufgrund der Krise ist davon auszugehen, dass Berufswechsel auch bei älteren Mitarbeitenden häufiger vorkommen werden. Um solche Wechsel älterer Mitarbeitender zu begleiten, hat der Verband im Raum Berner Oberland/Oberwallis ein Pilotprojekt für Umschulungen lanciert.

«Die Rekrutierung aus dem Ausland musste man stoppen.»

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