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Fachkräftemangel auf ähnlichem Niveau wie im Vorquartal

Der BSS-Fachkräfteindex lag im zweiten Quartal 2025 mit 123 Punkten auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorquartal. Der Abwärtstrend, der seit einem Jahr zu beobachten ist, setzte sich im zweiten Quartal somit nicht weiter fort.

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Fachkräfteindex Gesamtwirtschaft, Entwicklung über die Zeit

Die Berechnung des Fachkräfteindex erfolgt ab dem Jahr 2024 quartalsweise.

Fachkräfteindex Branchen

Fachkräfteindex Regionen

Fachkräfteindex Gesamtwirtschaft, Entwicklung über die Zeit

Fachkräfteindex nach Branchen

Fachkräfteindex nach Regionen

Hinweis: Auf der Desktopversion dieser Webseite finden Sie zudem interaktive Grafiken mit einem erweiterten Detailgrad.

Im Vergleich zum Vorquartal ist auf der einen Seite ein leichter Rückgang der Arbeitslosenquote und eine leichte Zunahme der Zuwanderungsquote zu beobachten. Beide Entwicklungen bewirken eine Zunahme des FKI. Auf der anderen Seite ist die Quote der offenen Stellen weiter zurückgegangen. Diese Entwicklung bewirkt eine Abnahme des FKI. Insgesamt nahm der FKI im Vergleich zum Vorquartal um einen Punkt zu. Die Fachkräftesituation hat sich gemäss Fachkräfteindex nicht in allen Branchen gleich entwickelt: Während der FKI bspw. bei «Information / Kommunikation» um rund 4 Punkte abgenommen hat, ist der FKI im «Baugewerbe» um rund 13 Punkte angestiegen. Regional zeigt sich auf der einen Seite eine Zunahme des FKI insbesondere in Graubünden, Wallis und Bern. Auf der anderen Seite hat sich die Fachkräftesituation in der Westschweiz (GE, «NE, JU») im Vergleich zum Vorquartal entspannt.

Der Index setzt sich aus vier Indikatoren (Deckungsgrad, Zuwanderungsquote, Arbeitslosenquote, Quote der offenen Stellen) zusammen und ist so definiert, dass ein Wert von 100 die gesamtwirtschaftliche Fachkräftesituation im Jahr 2010 aufzeigt. Je höher der Wert, desto grösser ist der Fachkräftemangel.

 

Weitere Informationen zum Index finden Sie auf:

www.bss-basel.ch/fachkräfteindex

Einblicke

Erkenntnisse aus der Arbeitsmarktforschung

Interview Prof. Dr. Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktökonom an der KOF

Unsere Interviewreihe heisst ja «Blick in die Praxis». Was macht ein Arbeitsmarktforscher bei der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH konkret?

Wir sind ein praxisnahes Forschungsinstitut. Wir machen relativ viel Auftragsforschung. Ich versuche aber, Drittmittel für Projekte zu erhalten, die in meinem Forschungsinteresse liegen und mir erlauben, Forschungspapiere zu produzieren. So kann ich auch das machen, was mich selbst interessiert. Insgesamt kann ich mich mit Themen beschäftigen, die in der Schweiz eine grosse Relevanz haben.

«Wenn es so gekommen wäre, wie am Liberation Day kommuniziert, dann hätte uns eine rechte Rezession gedroht.»

Bevor wir zum Arbeitsmarkt und zum Fachkräftemangel kommen: Als Mitarbeiter der KOF muss ich Dich zuerst fragen: Wie schätzt die KOF die künftige Entwicklung der Konjunktur ein? Wie wirkt sich die US-Zollpolitik auf die Schweizer Wirtschaft aus?

Niemand weiss so richtig, was jetzt genau passiert. Wenn es so gekommen wäre, wie am Liberation Day kommuniziert, dann hätte uns eine rechte Rezession gedroht. Jetzt sieht es doch danach aus, dass die Zölle nicht in dem Ausmass hochgezogen werden. Gewisse Zölle und die wirtschaftliche Unsicherheit bleiben aber. Allein das bremst die Wirtschaft. Der Beschäftigungsindikator der KOF zeigt, dass das Beschäftigungswachstum in den nächsten Monaten tiefer sein dürfte als in den vergangenen drei bis vier Jahren. In der Industrie dürfte es sogar zu einem Beschäftigungsrückgang kommen

Prof. Dr. Michael Siegenthaler ist einer der profiliertesten Arbeitsmarktforscher der Schweiz. Er hat in Bern Volkswirtschaftslehre studiert und an der ETH Zürich promoviert. Michael Siegenthaler hat zahlreiche wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht, u.a. in der renommierten American Economic Review. Seit 2010 arbeitet er als Mitarbeiter der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich, seit 2019 als Leiter deren Forschungsbereichs Arbeitsmarkt. Er ist IZA Research Fellow am Institute of Labor Economics in Bonn und Research Affilitate am Immigration Policy Lab (ETH Zurich and Stanford University). Dieses Jahr hat ihm die ETH Zürich den Professorentitel verliehen.

Damit sind wir jetzt tatsächlich schon beim Thema Fachkräftemangel. Wir haben ja jahrelang eine Zunahme des Fachkräftemangels gesehen. Seit 2024 ist der Mangel rückläufig. Wie siehst Du die Entwicklung in den kommenden Jahren? Ist der Fachkräftemangel von Konjunktur oder vom demografischen Wandel getrieben?

Wir sind aktuell dabei, im Auftrag des SECO eine Publikation zu diesem Thema zu erarbeiten (hält das Titelblatt der entsprechenden Studie in die Kamera). In den Jahren 2022/23 war der Fachkräftemangel sehr hoch. Seit 2024 ging der Mangel in der Tat zurück. Aber der Fachkräftemangel ist immer noch höher als 2015 oder 2018. Dies zeigt: Ein wesentlicher Teil des ausgeprägten Fachkräftemangels der letzten Jahre war wohl konjunkturell bedingt. Daneben ist die Demografie ein wichtiger struktureller Treiber. In einigen Branchen hat die Alterung der Bevölkerung eine besonders grosse Auswirkung. Dort sah man auch ein besonders starkes Wachstum der offenen Stellen.

«Der Fachkräftemangel ist immer noch höher als 2015 oder 2018.»

Und in der Zukunft?

Der Babyboomer-Effekt gewinnt jetzt noch an Dynamik. Ja, in den nächsten fünf Jahren wird das noch zu einem Problem werden, da wird der Alterungseffekt noch zunehmen.

Was findest Du persönlich bis jetzt die «spektakulärste» Erkenntnis aus Deinen Arbeiten?

In unserer Kollaboration mit Euch und x28 haben wir mit Vakanzdaten geschaut, welche Stellen besonders lange online waren. Die Granularität der Daten hat uns erlaubt, sehr ins Detail zu gehen. Sehr eindrücklich war da: Technische Berufe aus Bau und Industrie sind sehr stark von Mangel betroffen, noch mehr als manche Berufe, die in der Öffentlichkeit oft diskutiert werden wie Pflege oder Bauingenieure. Besonders von Fachkräftemangel betroffen sind z.B. Heizungsinstallateure. Wenn Fachleute in diesen technischen Berufen fehlen, dann hält das auch die grüne Transformation auf. Auch sehr interessant: Ein Grossteil der am meisten von Fachkräftemangel betroffenen Berufe sind sehr geschlechterspezifisch, werden also entweder vor allem von Männern oder vor allem von Frauen ausgeübt. Wenn man es nicht schafft, die andere Hälfe der Bevölkerung zu gewinnen, dann ist der Mangel ausgeprägter.

«Technische Berufe aus Bau und Industrie sind sehr stark von Mangel betroffen, mehr als manche Berufe, bei denen man das öffentlich weiss.»

Da erwähne ich doch gerne: BSS hat vor einiger Zeit in einem vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Forschungsprojekt untersucht, welche Berufe es für die grüne Transformation braucht. Wir kommen dort auch zum Schluss, dass das v.a. technische Berufe sind. Kommen wir zu einem anderen Thema: Du zeigst in einer sehr bedeutenden Arbeit, dass die Öffnung des Schweizer Arbeitsmarkts den Firmen insgesamt geholfen hat. Die Produktivität hat sich erhöht und auch Schweizer Fachleute profitierten in der Folge mit höheren Löhnen. Ist dieser Effekt nach wie vor so?

Das war schon überraschend. Das stimmt. Wir haben untersucht, wie sich die Grenzöffnung für Grenzgänger auf Schweizer Beschäftigte und Firmen auswirkte. Wir wählten Grenzgänger, weil der Schweizer Arbeitsmarkt für Grenzgänger etwas früher geöffnet wurde als für Personen, die in die Schweiz aus der EU einwandern wollten. Zudem betraf die Arbeitsmarktöffnung für Grenzgänger ausschliesslich grenznahe Regionen in der Schweiz. Wir konnten zeigen, dass in der Schweiz die Beschäftigung in den Grenzregionen nach der Arbeitsmarktöffnung trotz Zuwanderungsdruck stärker zugenommen hat als weiter weg von der Grenze, die Löhne von gut Qualifizierten sind stärker gestiegen. In Süddeutschland hingegen war der Effekt der Öffnung der Grenze gegenüber tschechischen Grenzgängern – das zeigt eine andere Studie – ganz anders, dort sind Löhne gesunken. Der Unterschied in den Auswirkungen liegt an der Reaktion der Firmen. Firmen in der Schweiz haben von der Grenzöffnung profitiert, da vor der Grenzöffnung Fachkräftemangel geherrscht hatte, und sie wuchsen. Gleichzeitig kam es zu Ansiedlungen von Firmen. Die Zahl der Stellen ist somit insgesamt gestiegen.

Was würde passieren, wenn man die Zuwanderung reduzieren würde? Würden die Löhne wieder sinken? Würde die Arbeitslosigkeit steigen?

Natürlich, die Zeiten ändern sich – es ist nicht klar, ob unsere Resultate der 2000er-Jahre heute noch gelten. Aber sie legen nahe: Firmen, die auf Fachkräfte angewiesen sind, würden weniger wachsen und würden weniger innovieren. Eine Reduzierung der Zuwanderung könnte sich als Bumerang für die ansässigen Firmen und die Arbeitskräfte erweisen.

Thema Income Tax Holidays: Verstehe ich das richtig, dass Du in einer Forschungsarbeit zeigst, dass eine Reduktion der Steuerlast keinen Effekt auf das Arbeitsangebot hat. Das heisst: Man kann Menschen durch tiefere Besteuerung nicht motivieren, mehr zu arbeiten?

Die Kernaussage dieser Studie ist: In den Jahren, in denen in der Schweiz keine Einkommenssteuer anfiel, haben Schweizerinnen und Schweizer kaum mehr gearbeitet. Gerade bei vorübergehenden Steuersenkungen ist ja der Anreiz besonders hoch, mehr zu arbeiten. Die Forschung insgesamt hat die Effekte von Steuern lange überzeichnet. Höhere Besteuerung reduziert die Arbeitsanreize nicht so stark wie man teils angenommen hatte. Umgekehrt ist es auch so: Vergünstigungen (z.B. Betreuungsangebote) beeinflussen das Arbeitsangebot auch nicht so stark positiv, wie gewisse Kreise hoffen.

Eine Reduktion der Besteuerung hilft demnach nicht, den Fachkräftemangel zu reduzieren. Was kann man sonst tun gegen den Fachkräftemangel?

Betriebliche Massnahmen bringen etwas. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsangebot ist in der Schweiz ja nicht fix. Man kann mit guten Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen mehr Zuwanderer in die Schweiz holen. Bei Menschen, die bereits in der Schweiz wohnen, sehe ich bei folgenden Gruppen noch Potential für einer Erhöhung der Arbeitsstunden: bei Rentnern und bei Müttern. Familienpolitische Massnahmen könnten daher helfen. Vielleicht auch Steuerpolitik. In den Bereichen, in denen wir strukturell Fachkräftemangel haben, z.B. im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) oder in der Pflege, ist für mich eine wichtige Frage: Wie schaffen wir es, das jeweils andere Geschlecht für die Berufe zu begeistern? Hier sind auch bildungspolitische Massnahmen gefragt. Die Schweiz hat international eine der tiefsten MINT-Abgängerinnenquoten.

Siehst Du bei Menschen, denen arbeitsmarktrelevante Kompetenzen fehlen, noch ein schlummerndes Potential?

Bezüglich Nachholbildung, Massnahmen für Arbeitslose, Durchlässigkeit der Bildung und Weiterbildung macht die Schweiz vieles gut. Aber es gibt noch Luft nach oben. Chancen gäbe es noch beim Familiennachzug. Viele Personen, die mit ihrem Partner in die Schweiz kommen, sind nicht gut in den Arbeitsmarkt integriert. Hier könnte wohl noch mehr unterstützt werden.

«Viele Personen, die mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin in die Schweiz kommen, sind schlecht in den Arbeitsmarkt integriert. Hier könnte noch mehr unterstützt werden.»

Welche Fragen treiben Dich in Deiner aktuellen Forschung besonders um?

Wir haben eine grosse Forschungsagenda zum Thema Arbeitsmarktdiskriminierung. Wir fragen z.B., was Firmen dazu bringt, auch älteren Arbeitnehmern eine Chance zu geben. Fachkräftemangel ist eine Chance für diese Leute. Weiter untersuchen wir die Wirkung von Gesamtarbeitsverträgen und Unternehmensbesteuerung auf den Arbeitsmarkt. Gemäss der internationalen Forschung haben Unternehmenssteuern grosse Beschäftigungswirkungen. Uns interessiert: Gilt das auch für die Schweiz? Und ist der Rückgang der Unternehmenssteuern in der Schweiz daher ein Grund für den erhöhten Arbeitskräftemangel und die recht hohe Zuwanderung?

«Die Zusammenarbeit mit BSS ist ausgezeichnet! Euer Team geht hervorragend auf unsere Bedürfnisse ein. Wir sind sehr glücklich über die Zusammenarbeit.»

Werden Deine Forschungsergebnisse in der politischen Entscheidungsfindung berücksichtigt? Inwiefern?

Nicht systematisch. Aber es gab schon Fälle, wo unsere Forschung auch zu einem Umdenken beigetragen hat. So haben wohl die Studien zur Wirksamkeit der Kurzarbeit die eher kritische Haltung einiger Behördenvertreter gegenüber der Massnahme abgeschwächt. Unsere Arbeiten zu Diskriminierung haben wohl Auswirkungen im Hinblick auf den Einsatz von Matching-Tools bei den Regionalen Arbeitsvermittlungsstellen. Die Studien haben wohl dazu beigetragen, dass man sich besser bewusst ist, dass solche Tools diskriminierungsfrei sein sollten und das aber auch können.

Du hast immer wieder mit BSS zusammengearbeitet. Warum?

Der Auslöser war ein persönlicher. Ich kannte Boris Kaiser (der bei BSS arbeitet) gut und ich wusste, dass er sehr, sehr gut ist und die Qualität stimmen würde. Der Prozess in der Zusammenarbeit mit BSS lief immer sehr gut. BSS ist im Projektmanagement sehr effizient und ich konnte mich auf meine Stärken beim wissenschaftlichen Arbeiten konzentrieren. Die mühsamen Sachen muss ich dann nicht selbst machen. Und zudem haben wir nicht immer genügend Leute für kurzfristige Mandate. So habe ich insgesamt von der Zusammenarbeit mit BSS profitiert.

«Der Prozess in der Zusammenarbeit mit BSS lief immer sehr gut. BSS ist im Projektmanagement sehr effizient und ich konnte mich auf meine Stärken beim wissenschaftlichen Arbeiten konzentrieren.»

Du hast zudem regelmässig x28-Daten verwendet.

Diese Daten sind einzigartig: Die schnelle zeitliche Verfügbarkeit, die Abdeckung, die Granularität sind sehr wertvoll. Es ist weiterhin die umfassendste Datenbasis zur Arbeitsnachfrage in der Schweiz. Die komplexen Stelleninseratedaten werden von x28 gut vorstrukturiert, viele wichtige Variablen sind schon vordefiniert und damit einfach auswertbar.

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