Kleiner Beruf leistet Grosses
Prof. Dr. Jan Weisser, Leiter des Instituts Spezielle Pädagogik und Psychologie, FHNW
Wo treffe ich einen Logopäden bei der Arbeit?
In Schulen, im Frühbereich, bei den Logopädischen Diensten und in Kliniken; in der Akutklinik wie in der Reha, aber auch in der Geriatrie. Die meisten Logopädinnen und Logopäden arbeiten jedoch in den Schulen.
Was machen Logopädinnenen genau?
Logopädinnen und Logopäden sind Experten für Sprache und Kommunikation. Sie machen alles, was mit Sprache und mit Barrieren im Bereich der Sprache zu tun hat. Wenn man Logopäden fragt, dann bekommt man meist eine Aufzählung: Wir machen Prävention, Diagnostik, Therapie, Förderung, Beratung und Rehabilitation in den Bereichen Sprache, Sprechen, Stimme, Schlucken und Kommunikation. An den Schulen ist Prävention etwas ganz Wichtiges. Es ist wichtig, zu schauen, dass Sprachbarrieren gar nicht erst entstehen. Im Bereich der Reha arbeiten Logopädinnen vor allem mit Patienten, die zum Beispiel einen Schlaganfall hatten. Und dazu kommt dann über alle Segmente hinweg die Beratung, also beispielsweise die Beratung von Lehrpersonen und Eltern.
Wen behandeln Logopäden?
Logopädinnen und Logopäden arbeiten mit Menschen aller Altersgruppen, von nach der Geburt bis 99. Logopäden kommen dann, wenn es ein Problem gibt, wenn z.B. Lehrer merken, dass eine Schülerin ein Problem beim Sprechen hat oder ihr Leseverständnis nicht gut entwickelt ist. Logopädinnen arbeiten auch mit Menschen mit einer Mehrfachbehinderung und Senioren.
«Logopäden sind Experten für Sprache und Kommunikation»
Prof. Dr. Jan Weisser leitet das Institut Spezielle Pädagogik und Psychologie an der Päda-gogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Das Institut Spezielle Pädagogik und Psychologie (ISP) ist das Kompetenzzentrum der Pädagogischen Hochschule FHNW im Bereich inklusiver Bildung und Erziehung, individueller Förderung und Logopädie. Jan Weisser hat an der Universität Bern Pädagogik, Religionswissenschaft und Psychopathologie studiert und dann zu Theorieproblemen in der Weiterbildung promoviert. Er hat während einiger Jahre als Sozialpädagoge im Sozial- und Bildungsbereich gearbeitet und war danach während fünf Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sonderpädagogik der Universität Zürich. Seit 2006 ist er an der FHNW, seit 2008 leitet der das ISP.
Sie sagen: Logopädinnen sind Experten für Sprache und Kommunikation. Das heisst: Es geht in der Logopädie nicht nur um die korrekte Aussprache?
Das Artikulieren ist nur ein kleiner Teil, Logopädie ist aber weiter gefasst. Es geht auch auch um die Grammatik oder die Wortspeicherung. Und um Sprachverständnis. Das wirkt sich auf das ganze Lernen aus, etwa beim Verständnis von formalen Vorgängen. So sind mathematische und sprachliche Grundkompetenzen eng miteinander verknüpft. Dyskalkulie, also Rechenstörung, ist ein Thema, dem sich Logopäden annehmen. Weiter beschäftigt sich Logopädie mit dem Erwerb von Schriftkompetenz im Lesen und Schreiben. Bei der Motorik schliesslich geht es nicht nur um die Aussprache, sondern auch um die Stimme und das Schlucken. So arbeiten Logopädinnen im Bereich myofunktioneller Störungen: Logopäden helfen, dass die Muskeln im Gesicht und im Mund richtig funktionieren.
Zudem arbeiten Logopädinnen und Logopäden in der Prävention, zum Beispiel in der Ausbildung von Spielgruppenleiterinnen. Diese müssen lernen, wie man Hürden in kommunikativen Situationen bemerkt und wie Kinder bei der mehrsprachigen Sprachentwicklung unterstützt werden können.
Sie sprachen von Dyskalkulie. Mathematik macht uns Ökonomen ja besondere Freude. Verstehe ich Sie richtig, dass eine Rechenschwäche von einem Logopäden behandelt werden kann? Weil ein Kind mit Dyskalkulie z.B. einfach nicht richtig versteht, was «1 plus 1» bedeutet?
Richtig, Dyskalkulie kann mit Sprache zu tun haben, mit Sprachverständnis. Es spielen aber auch Wahrnehmungsleistungen und weitere Aspekte eine Rolle.
«Es kann gelingen, eine Schwierigkeit zu überwinden oder auch trotz der Schwierigkeit teilhaben zu können»
Sie selbst sind Professor und Leiter Institut Spezielle Pädagogik und Psychologie an der FHNW. Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit? Was fasziniert Sie an der Logopädie?
Ich habe die Logopädie durch die Leitung des Instituts kennengelernt. In meiner Funktion bin ich zum Beispiel dabei, wenn die Curricula ausgearbeitet werden. Spannend finde ich das Zusammenspiel von Sprache und Körper, zum Beispiel bei den Themen Stimme und Sprechen. Aber auch verstecktere Themen wie die Therapie nach einem Schlaganfall, wenn Leute ein Wort nicht mehr finden. Hirnfunktion und Sprache sind eng miteinander verknüpft. In der Ausbildung ist vieles wichtig. Man muss etwas lernen über Neurologie und Linguistik und gleichzeitig über Didaktik und Förderung. Ich finde es immer wieder faszinierend, den Expertinnen da zuzuhören.
Wie motivieren Sie junge Leute, den Beruf der Logopädie zu ergreifen?
Gerade heute hatten wir wieder einen Studieninformationsanlass. Da zeigen wir auf, dass es für das Studium der Logopädie Interesse an Kommunikation in allen Situationen braucht. Und dass man direkt mit Menschen arbeitet, sie direkt unterstützt. Angehende Logopädinnen lernen alles, was mit Kommunikation zu tun hat, von der Kommunikation via Laptop bis hin zur Stimmschulung.
Logopädinnen arbeiten ja sehr direkt mit Menschen, richtig?
Ja, es ist viel Eins-zu-eins-Begleitung, das ist das klassische Setting. Aber auch Gruppensettings sind zunehmend gefragt, z.B. die Arbeit mit Integrationsklassen und in der Beratung von Drittpersonen, z.B. aus dem Bereich der Pflege oder auch in der Weiterbildung von Lehrpersonen.
Wie zeigen sich die Erfolge der Behandlung durch Logopädinnen?
Ein Erfolg ist, wenn ein Ziel erreicht wird wie beispielsweise eine unauffällige Aussprache zu haben oder eine Schwierigkeit beim Lesen zu überwinden. Ziele sind aber immer auch grösser gesetzt. Es kann gelingen, eine Schwierigkeit zu überwinden oder auch trotz der Schwierigkeit teilhaben zu können, zum Beispiel, wenn ich mit einem Stottern umgehen kann und trotz Stottern kommuniziere.
Wie hat sich der Beruf in den letzten Jahren entwickelt? Was hat sich geändert?
Besonders verändert haben sich die Rahmenbedingungen. Mit dem Nationalen Finanzausgleich, der im Jahr 2008 in Kraft getreten ist, ist der ganze Bereich der Sonderschulen inklusive Logopädie in die Kompetenz der Kantone übergegangen. Logopädinnen sind jetzt viel näher an den Schulen beziehungsweise dort integriert. Früher gab es zumeist separate logopädische Dienste, heute sind Logopädinnen Teil eines multidisziplinären Teams. Damit ist ihre Arbeit auch viel stärker am Bedarf der Kinder und ihres Lernens im Schulkontext orientiert.
«In der Logopädie geht es immer um Menschen, die ein Hindernis überwinden wollen. Da braucht es das Gegenüber»
Ist Automatisierung, Digitalisierung oder Remote-Tätigkeit bei Ihnen ein Thema?
Es gibt digitale Therapieprogramme inkl. Einsatz von iPads. Aber die Therapeutin bleibt wichtig, die personale Begegnung. Kinder, die z.B. sehr gerne Mathematik machen, die lernen gerne und selbstständig mit einem Computerprogramm. In der Logopädie geht es aber eigentlich immer um Menschen, die ein Hindernis überwinden wollen. Da braucht es das Gegenüber.
Remote arbeiten Logopädinnen eher weniger. Höchstens bei der Behandlung von Erwachsenen. Während der Pandemie gab es vermehrt Beratung und Unterstützung am Laptop.
Das heisst: Der Beruf kann kaum automatisiert oder ins Ausland verlagert werden?
Nein auf keinen Fall, es braucht die Therapeutin, die persönliche Begegnung.
Auch die Logopädinnen sind von einem Fachkräftemangel betroffen. Was sind die Konsequenzen?
Wir haben einen eklatanten Mangel. Schulen können Stellen nicht mehr besetzen und schreiben schon gar nicht mehr aus. Bei den Schülern, die eine Therapie benötigen, gibt es lange Wartelisten. Oder Priorisierung, das heisst, es können nur noch Schülerinnen mit grösseren Problemen behandelt werden – aber was ist ein grösseres, was ein kleineres Problem?
Welche Gründe sehen Sie für den Fachkräftemangel im Bereich Logopädie?
Steigende Schülerzahlen, starke Jahrgänge (ähnliche wie im Lehrberuf), gleichzeitig die zunehmende Zahl von Pensionierungen. Und es gibt heute mehr Bedarf. Dadurch, dass die Logopädie heute in der Schule integriert ist, braucht es ein ausreichendes logopädisches Angebot vor Ort. Und heute wird insgesamt mehr wahrgenommen, dass Menschen ein Recht auf Teilhabe haben, was wiederum in manchen Fällen eine logopädische Behandlung bedingt.
«Heute wird insgesamt mehr wahrgenommen, dass Menschen ein Recht auf Teilhabe haben, was wiederum in manchen Fällen eine logopädische Behandlung bedingt»
Der Frauenanteil liegt im Beruf der Logopädie bei knapp unter 100 Prozent. Wieso ist das so?
Ja, auch im Studium sind es gleichbleibend wenig Männer, null bis zehn Prozent pro Jahrgang. Der Beruf kommt klassisch aus dem «care-Segment», also aus dem sich Sorgen um andere. Die Zweiersettings der Therapie, überhaupt das therapeutische Profil des Berufs, führt noch immer zu geschlechterungleichen Effekten in der Berufswahl. Dabei spielt auch die Perspektive, sehr gut Teilzeit arbeiten zu können, eine Rolle. Und die Schwerpunktlegung auf Sprache trägt vielleicht ebenfalls zur Geschlechterungleichheit in der Logopädie als Beruf bei. Wir thematisieren die Geschlechterdifferenz im Studium und unterstützen ein vielfältiges Berufsbild.
Ist das Gehalt denn tief – und mag das dazu führen, dass viele Männer diesen Beruf nicht wählen?
Am Gehalt dürfte es nicht liegen; es liegt auf vergleichbarem Niveau mit den Gehältern anderer Berufe mit einem Bachelordiplom, also zum Beispiel dem Lehrberuf oder sozialen oder gesundheitsbezogenen Berufen wie der Sozialen Arbeit, Ergotherapie, usw.
Gab es für das Logopädiestudium an der Pädagogischen Hochschule FHNW in der Vergangenheit mehr Bewerberinnen als Plätze und entsprechende Zugangsbeschränkungen?
Ja, wir hatten in den vergangenen Jahren eine grössere Nachfrage als vorhandene Studienplätze. Es musste daher stets eine Warteliste geführt werden, was für Studieninteressierte ein grosser Unsicherheitsfaktor ist und tendenziell auch dazu geführt hat, sich anderweitig zu orientieren.
Sie haben jetzt Massnahmen zur vermehrten Ausbildung von Logopäden ergriffen. Welche?
Wir haben jetzt das «go» seitens der Fachhochschule Nordwestschweiz und der Trägerkantone bekommen, dass das Logopädiestudium jährlich angefangen werden kann, nachdem zuvor der Studienbeginn nur alle zwei Jahre möglich war. Wir konnten auch die Werbung für unser Studium erhöhen. Wir haben Informationen an Berufsberatungen, Gymnasien etc. verstärkt und die Dauer des Zulassungspraktikums dem Schweizer Durchschnitt angeglichen. Und wir unternehmen erste Schritte, das Studium Teilzeit anbieten zu können. Das geht jetzt auch viel besser, wegen dem jährlichen Studiumsbeginn. Bei unserem früheren Modell mit dem Studienbeginn alle zwei Jahre war ein Teilzeitstudium aus organisatorischen Gründen kaum machbar. Und schliesslich fördern wir den Quereinstieg in den Beruf.
Wird sich die Situation bzgl. der Zugangsbeschränkungen jetzt ändern?
Wir gehen gestützt auf die Entwicklung in der deutschsprachigen Schweiz der letzten Jahre und dank der ergriffenen Massnahmen davon aus, dass sich Angebot und Nachfrage gut einpendeln werden und dass die Unsicherheiten mit der Warteliste minimiert werden können.
Welchen Beitrag hat die BSS-Studie zu den oben aufgeführten Entwicklungen geliefert?
Die Studie war sehr wichtig für uns. Wichtig war insbesondere, dass mit empirisch robusten Methoden auch in unserem «kleinen» Berufsfeld empirisch valide und klare Ergebnisse erarbeitet werden konnten. Wir wussten zwar selbst schon länger, dass wir zu wenig Logopädinnen haben, aber wir hatten «nur» Erfahrungen und Berichte dazu. Die Studie hat hier Klarheit geschaffen. Dabei wurden auch Kontextelemente schön dokumentiert. Insgesamt war die Studie ein wichtiges Element für die Argumentation im Fachhochschulrat und bei den Trägerkantonen. Auf Basis des Berichts konnte diskutiert werden; schliesslich geht es bei der Finanzierung des Studienangebots um öffentliche Gelder. Dabei ist zu sagen: In allen Kantonen gab es auch politische Vorstösse bzgl. des Fachkräftemangels im Bereich der Logopädie. Die Studie hat ein Moment der Objektivierung in die Diskussion gebracht.



