Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt
Manuel Haas, Integrationsdelegierter Kanton Bern
Teilweise wurde die Hoffnung geäussert, dass Flüchtlinge einen Beitrag zur Reduktion des Fachkräftemangels leisten können. Wo gelingt das, wo nicht?
Der kurzfristige Beitrag ist eher gering. Bei Fachkräftemangel sind spezifische Qualifikationen gefragt, welche die Flüchtlinge selten mitbringen. Zudem bestehen verschiedene Hürden: Bei den Ingenieuren klappt es häufig nicht mit der Anerkennung. Sprachbarrieren bestehen. Verschiedene Tätigkeiten sind an einen Gesamtarbeitsvertrag gebunden, was bedeutet, dass für Firmen die üblichen Kosten anfallen, auch wenn Flüchtlinge noch nicht die volle Leistung erbringen. Integration braucht Zeit und einen langen Atem. Das Potential muss daher langfristig gesehen werden. Es geht insbesondere auch darum, Jugendliche und junge Erwachsene in eine Ausbildung zu bringen, und die nächsten Generationen so zu unterstützen, dass sie bessere Jobs erhalten. Dennoch gibt es Ausnahmen: Viele syrische Flüchtlinge waren Teil der Mittelschicht und haben eine Berufsausbildung. Hier ist ein Beitrag zur Reduktion des Fachkräftemangels am ehesten möglich, beispielsweise in der Pflege. Zudem gibt es auch ausserhalb des klassischen Fachkräftemangels Arbeitskräftebedarf, d.h. in Bereichen, die nicht zwingend eine formelle Qualifikation benötigen: hier kann ebenfalls kurzfristig ein Beitrag geleistet werden.
Welche Unterstützung (der Flüchtlinge, der Unternehmen) ist notwendig, dass dies klappt?
Mitunter geht es darum, das fehlende berufliche Netzwerk der Flüchtlinge in der Schweiz zu kompensieren. Hierzu dienen individualisierte Angebote wie Mentoring und Coaching. Mentoren oder Coaches haben ein Netzwerk, welches sie den Flüchtlingen zur Verfügung stellen können. Dann ist wichtig, Arbeitgeber für eine Beschäftigung oder einen kurzfristigen Einsatz zu gewinnen. Dazu gehören gute Rahmenbedingungen, fast kostenlose Praktika, Qualifikationen der Flüchtlinge, aber auch «Klinkenputzen». Das ist Knochenarbeit, denn man steht in Konkurrenz mit anderen Institutionen. Ein nützliches Instrument ist Supported Employment: Hier geht es darum, Teilnehmende rasch in einer Erwerbstätigkeit unterzubringen, bereits parallel zu Qualifizierung, und sie dort zu begleiten.
Welche Instrumente sind langfristig wichtig?
Mit Assessments kann gleich zu Beginn erfasst werden, welche Folgeschritte notwendig sind. Zudem kann identifiziert werden, «wohin die Reise geht». Wichtig ist zudem, dass sich die Flüchtlinge weiterentwickeln können. Eine unmittelbare Vermittlung in eine Erwerbstätigkeit kann dazu führen, dass eine anstrengende Arbeit keine Zeit dafür lässt, Sprachkenntnisse oder die Qualifizierung zu entwickeln. Im Hinblick auf einen Beitrag zum Fachkräftebedarf ist wichtig, dass Flüchtlinge die Möglichkeit erhalten, sich weiterzuentwickeln. Längerfristig, im Hinblick auf die nächste Generation, sind alle Instrumente der Integrationsförderung wichtig, auch jene, welche auf die soziale Integration fokussieren.
Spielt die Fachkräftesituation eine Rolle bei der Planung von Integrationsangeboten?
Absolut. Insbesondere bei Fachkursen, die beispielsweise in den Bereichen Pflege, Gastro, Reinigung und Hauswartung angeboten werden. Hier wird bei der Auswahl der Branchen/Tätigkeiten für ein Angebot zunächst die Arbeitsmarktchancen beurteilt. Verbände sind aktiv dabei, wenn es darum geht, die neuen Ausbildungsgänge zu entwickeln; beispielsweise kürzlich bei der Erarbeitung eines neuen Ausbildungsgangs im Bereich Schreiner an der Technischen Fachschule Bern. Oder bei der Definition der neuen Integrationsvorlehre: Auch hier werden die Verbände aktiv miteinbezogen. Neben der Nachfrage spielt aber auch eine Rolle, ob genügend potentielle Teilnehmende für das Angebot vorhanden sind, sowie die Finanzierbarkeit der Angebote.
Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus der soeben durchgeführten Bedarfsanalyse für Integrationsangebote?
Die von B,S,S. durchgeführte Analyse hilft uns bei der Planung der Integrationsangebote, insbesondere auch bei der Frage, welche Angebote wir ausbauen wollen und welche nicht. Beispielsweise hat sich bestätigt, dass Mentoring/Coaching gestärkt werden sollte, und dass die Angebote wenn möglich individuell und modular aufgebaut sein sollten. Mit der Analyse liegt nun eine wissenschaftlich durchgeführte Studie mit Inputs der Fachleute vor. Das ist eine sehr gute Grundlage für die weiteren Entscheidungen. Die Empfehlungen aus der Studie werden soweit möglich umgesetzt.
Nochmals zurück zu den Unternehmen: Welche Unterstützung können diese bieten (auch ausserhalb der Thematik Fachkräftemangel)?
Wir sind um jede Firma froh, die Chancen für Flüchtlinge bietet. Das kann bei der Anstellung oder Bereitstellung von Praktika sein. Oder aber in der Aus- und Weiterbildung von bereits beschäftigten Personen, um diesen bessere Perspektiven geben. Auf unserer Wunschliste wäre beispielsweise, dass mittelständische Unternehmen Sprach- und Informatikkurse anbieten. Oder fachspezifisches Wissen vermitteln, auch informell über die Kollegen am Arbeitsplatz.
Dies geschieht bereits schon. Beispielsweise hat sich kürzlich die Schweizer Niederlassung einer Firma, die bereits in Deutschland aktiv die Integration unterstützt, gemeldet. Die Firma will einen Beitrag leisten. Ein anderes Beispiel ist das Support Employment Programm Caritas Perspektiven, welches über einen Social Impact Bond von 60 Firmen getragen wird. Das so entstehende Netzwerk ist sehr wichtig.
Insgesamt wünschen wir uns, dass nach «alter Schule» möglichst viele Firmen auch leistungsschwächere Leute mitziehen und ihnen Möglichkeiten bieten.



