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Blick in die Praxis 2021

Besuch in einer Traumfabrik

Urs Brütsch, Leiter Amt für Berufsberatung Kanton Zug

Was steht bei der Berufsberatung im Fokus, der Traum, der Wunsch?

Ganz klar das Interesse. Aber: Es braucht auch die notwendigen Fähigkeiten. Das besprechen wir in der Berufsberatung.

 

Kommen die jungen Menschen häufig mit einem konkreten Berufsziel zu Ihnen?

80 Prozent der Jugendlichen finden den Weg in den Beruf selbst, ohne Berufsberatung. Die schnuppern in einem Beruf, finden ihr Interesse. 20 Prozent kommen zur Beratung. Von denen haben die einen keine Ahnung, was sie machen sollen, und andere haben so viele Interessen, dass sie sich nicht so leicht entscheiden können. Und für manche ist es auch einfach zu früh, die sollten vielleicht erst einmal ein Zwischenjahr machen.

 

Erwähnen Sie auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Ja. Will jemand z. B. Damenschneider lernen, dann sagen wir, dass es da ganz wenig Stellen gibt. Aber wir sagen auch, dass der Beruf eine ganz gute Grundlage ist, ein perfekter Einstieg für viele weiterführende Ausbildungen. Wir raten grundsätzlich nicht von einem Beruf ab, aber wir zeigen Chancen und Risiken auf. Und Weiterentwicklungsmöglichkeiten.

 

Gibt es aktuelle «Favoriten» unter den Berufen?

Die heutige Jugend ist sehr pragmatisch, natürlich gibt es Träume, Jugendliche, die gern «In- fluencerin» oder «Gamedesigner» werden möchten. Aber das sagen sie in der Berufsberatung nicht, das sind eher die stillen Wünsche. «In-Berufe» sind u. a. kaufmännische Berufe, Infor- matik, Pflege und Elektrotechnik. Pflege hat wirklich mehr Zulauf, seit Corona. Man hat gehört, dass es zu wenig Menschen gibt, die in diesen Berufen arbeiten.

«Natürlich gibt es Träume, Jugendliche, die gern ‹Influencerin› oder ‹Gamedesigner› werden möchten.»

Wie ist es bei der Studienberatung?

Bei den Studienfächern sind Wirtschaft, Medizin, Psychologie und Recht im Trend. Junge Leute überlegen sich heute mehr als früher, was man mit dem Studium machen kann, welchen Job man am Schluss haben möchte.

 

Wissen junge Menschen, welche konkrete Tätigkeit hinter einem Beruf steckt?

Es ist ähnlich wie beim Heiraten (schmunzelt). Weiss man da, wie das wirklich kommt? Man lässt sich auf Basis bestimmter Eindrücke darauf ein. Wir machen am Ende der Lehre Laufbahnseminare, da fragen wir dann, ob der Beruf den Erwartungen der Jugendlichen entspricht.

«Es ist ähnlich wie beim Heiraten. Weiss man da, wie das wirklich kommt?»

Und wie viele würden im Nachhinein etwas anderes machen?

80 bis 90 Prozent sind zufrieden. Aber es gibt schon auch Unzufriedene. Beispiel Elektroinstallateur: Das klingt interessant, je nach Lehrbetrieb muss mancher Lehrling dann aber v. a. spitzen. Es gibt Jugendliche, die sagen: Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mich in der Schule mehr angestrengt und eine andere Lehre gemacht.

 

Raten Sie jungen Menschen, auf aktuelle Trends wie Digitalisierung zu setzen?

Digitalisierung ist ja eigentlich in jedem Beruf relevant. Aber ja, wenn jemand in Richtung MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) gehen möchte, dann kann man das unterstützen.

 

Unsere Wirtschaft wird vermutlich grüner werden. Eine aktuelle BSS-Studie zeigt, dass es für eine grüne Wirtschaft v. a. Technikberufe braucht. Nehmen Sie dies in Ihrer Beratung mit auf?

Wir stellen ein grosses ökologisches Interesse fest. Aber viele merken auch: Lernen oder studieren möchte ich das nicht, viele der Berufe sind für mich zu technikorientiert.

 

Neu fördert der Bund die Laufbahnberatung für Personen ab 40.

Ja, das ist sehr interessant. Früher haben wir Erwachsene gratis beraten, 2018 mussten wir wegen eines Sparprogramms eine Kostenbeteiligung für Berufsleute ab 25 Jahren einführen. Danach kamen v. a. Frauen zwischen 30 und 50 viel weniger häufig zu uns. Seit Anfang Jahr ist die Kostenbeteiligung für über 40-Jährige weggefallen, jetzt kommen wieder viel mehr Erwachsene, zwei- bis dreimal so viele wie im Vorjahr.

«Manche möchten grundsätzlich nach 20 Jahren noch etwas anderes machen.»

Was für Menschen kommen da?

Die meisten sind berufstätig, ein kleinerer Teil Wiedereinsteigerinnen.

 

Und aus welchen Branchen kommen sie?

Mein Gefühl ist: Wir haben Personen aus allen Branchen, tendenziell aber eine Häufung aus der Reise- und Gastrobranche und aus dem Detail- und Grosshandel, wir erfassen die Branche aber nicht.

 

Das sind alles Branchen, die von der Pandemie stark betroffen sind …

Ja, nehmen wir den Verkauf. Ein Key-Account-Manager, der lebt von der Beziehungsarbeit, wenn die wegfällt, dann leidet der und möchte etwas verändern.

 

Was motiviert Menschen, die Laufbahnberatung in Anspruch zu nehmen?

Das kann arbeitgeberbezogen sein, ein Wechsel in der Chefetage, Verunsicherung. Manche möchten grundsätzlich nach 20 Jahren noch etwas anderes machen, das sind dann oft Träume, oft ist das Fazit der Beratung dann, dass die Risiken eines Wechsels zu gross wären. Die Leute sind dankbar, dass sie das neutral mit jemandem anschauen können. Viele, die zu uns kommen, haben aber wirklich Druck, die Träumer sind ganz wenige.

 

Gibt es viele, die eine berufliche Veränderung vornehmen, nach der Beratung?

Ja, aber das muss nicht etwas absolut anderes sein. Es kann innerhalb der gleichen Firma sein, eine Weiterbildung, andere Aufgaben.

«Die Leute sind dankbar, dass sie das neutral mit jemandem anschauen können.»

Kann eine Weiterentwicklung häufig auf bestehenden Skills aufbauen?

Ja. Nehmen wir das Beispiel eines Nagelstudios, das infolge von Corona nicht mehr läuft. Da kann man in Richtung Podologie gehen, oder auch niederschwellig, ohne dreijährige Ausbildung, in die kosmetische Fusspflege in einem Altersheim.

 

Was steht bei der Beratung im Vordergrund: die Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder die persönlichen Interessen?

Bei 40 plus: Interesse und Herzblut sind wichtig, aber die Leute brauchen ihr Einkommen, die Arbeitsmarktfragen sind sehr zentral. Zudem muss man bedenken, wie das ist, wenn man z. B. neu in einer Kinderkrippe arbeiten möchte: Da muss man, vielleicht mit 45, erst einmal als Praktikant arbeiten, das ist hart.

 

Hat sich Ihre Beratung in den vergangenen Jahren verändert?

Im Grossen nein, wir informieren, beraten, führen Workshops durch. Gewisse Inhalte haben sich geändert, z. B. dass in der Beratung die Laufbahngestaltungskompetenz wichtiger wird.

 

Wie setzen Sie digitale Tools ein?

Viele Tests finden heute am PC statt. Wir nutzen Onlineplattformen. Mit einer Onlineplattform möchten wir mehr interaktive Tools für die Bevölkerung zur Verfügung stellen. Ein Onlinechat soll für die ganze Schweiz eingeführt werden.

 

Wird die Arbeit des Berufsberaters irgendwann vom Computer ersetzt?

Dort, wo es um das Persönliche geht, bei Entscheidungsfragen, werden wir nie vom Computer ersetzt. Da spielen Gefühle eine Rolle. Vielleicht bin ich zu nostalgisch. Aber so stelle ich mir das heute vor. Fachfragen kann der Computer beantworten, aber Begegnung kann nicht ersetzt werden.

«Dort, wo es um das Persönliche geht, bei Entscheidungsfragen, werden wir nie vom Computer ersetzt.»

Wie nutzen Sie in Ihrer Beratung die von BSS mitentwickelte Website «arbeitsmarktinfo.ch»?

Bei viamia ist das eine sehr wichtige Grundlage. Wir nutzen sie intensiv in der Beratung. Wir sehen uns zusammen mit den Menschen, die wir beraten, am Bildschirm die Branchenentwicklung an, die Abschlüsse in einer Branche, das durchschnittliche Bildungsniveau, wir zeigen, in welchem Umfeld man sich in einem Beruf entwickelt. Auch das Stellentool ist vom Umfang her einzigartig. Ich bin froh, dass wir dieses Tool haben.

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