Auf Studie folgt Fachkräftestrategie
Kareen Vaisbrot, Mitglied der Geschäftsleitung von Swissmem
Wie macht sich das Phänomen Fachkräftemangel in der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) bemerkbar?
Wir erhalten von etlichen Swissmem-Mitgliederfirmen die Rückmeldung, dass es schwierig ist, Vakanzen adäquat zu besetzen. Die demographische Entwicklung und die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative werden diesen Fachkräftemangel in Zukunft weiter verstärken. Die 2014 von B,S,S. durchgeführte Studie zur Fachkräftesituation in der MEM-Branche[1] zeigte, dass in 5 von 11 zentralen Berufsfeldern der Branche ein Fachkräftemangel besteht. Und sie identifizierte drei Gruppen mit Handlungsbedarf: Nachwuchs, Frauen und ältere Arbeitnehmende.
Welche Handlungsfelder hat Swissmem identifiziert?
Seit Gründung war der Verband stets in der Nachwuchsförderung aktiv. Diese Anstrengungen haben wir Jahr für Jahr intensiviert. Entsprechend haben wir nun bei unserer Fachkräftestrategie den Fokus auf die anderen beiden Gruppen gelegt. Bei den Frauen stehen Rollenbilder im Vordergrund. Gerade die MEM-Branche ist von einer Männerkultur geprägt. Es geht aber auch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ältere Arbeitnehmende wiederum haben ein grosses Knowhow, welches wir bei Frühpensionierungen verlieren. Diese Mitarbeitenden können kaum durch Junge ersetzt werden.
Wie ist Swissmem bei der Erarbeitung der Fachkräftestrategie vorgegangen?
In drei Schritten: Erstens haben wir mit der Studie eine Grundlage bezüglich der Fakten geschaffen. Dann haben wir zweitens Massnahmen in Arbeitsgruppen erarbeitet und eine Umfrage bei den Firmen durchgeführt, um zu ermitteln, wo wir zurzeit stehen. Und drittens haben wir eine Sensibilisierungskampagne bei den Firmen durchgeführt.
Können Sie eine konkrete Massnahme nennen, wie Unternehmen der MEM-Industrie dem Fachkräftemangel begegnen können?
Um Frauen in der MEM-Branche zu halten, zu vernetzen und zu motivieren, haben wir den SwisswoMEM Club lanciert. Die 26% Frauen in der Branche kennen sich zu wenig. Es besteht ein grosses Bedürfnis, sich mit Gleichgesinnten innerhalb der Branche auszutauschen. Nach der Lancierung erhielten wir innert Stunden hundert Anmeldungen. Der Club organisiert beispielsweise Workshops, Vorträge und Networkinganlässe. Bei den älteren Mitarbeitenden haben wir nach dem Rentenalter praktisch null Erwerbstätigkeit. Um dem Abhilfe zu schaffen, haben wir ein Nachschlagewerk – das «PowerMEM» – erarbeitet und in unserem Extranet publiziert. Darin sind rund 20 Konzepte und Praxisbeispiele enthalten, wie ältere Mitarbeitende länger im Betrieb gehalten werden können. Ein Beispiel ist die Altersteilzeit: Ab einem bestimmten Alter könnten Mitarbeitende das Angebot erhalten, Teilzeit zu arbeiten. Auch hier ist das Interesse gross: Wir haben sehr viele Besuche auf der PowerMEM-Webseite registriert.
Welche Rückmeldungen erhalten Sie aus der «Praxis» auf die Fachkräftestrategie?
Die Mitgliedsfirmen sagen, dass diese Strategie Sinn macht. Sie sind froh, dass wir diese Strategie erarbeitet haben. Sie sind dankbar um jede Unterstützung. Trotzdem sind viele Unternehmen noch zurückhaltend, Massnahmen umzusetzen. Gewisse Firmen sind schon seit langem bei der Gewinnung und dem Halten von Fachkräften sehr aktiv. Sie kennen keinen Fachkräftemangel, weil sie sich vorbereitet haben. Wir hoffen, dass sich mit solchen Champions ein Schneeballprinzip ergibt. Im Swissmem Newsletter stellen wir alle zwei Wochen ein Best Practice Beispiel vor. Wir pushen die Firmen nicht, eine riesige Strategie zu entwickeln. Auch kleine Massnahmen können Wirkung zeigen. Ausserdem haben wir gelernt, dass die Fachkräftestrategie nicht einheitlich sein muss. Unsere Botschaft an die Firmen ist: Prüft, wo das Problem liegt und setzt dort Massnahmen um. Swissmem unterstützt sie dabei.
Gibt es bereits erste «Erfolgsmeldungen»?
Es gibt Firmen, die machen sehr viel – und es gibt solche, die machen noch wenig. Seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses arbeiten die Firmen prioritär daran, ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen. Das sind die Themen, die zurzeit mehr bewegen. Das Thema Fachkräftemangel ist wichtig, aber man kann nicht alles gleichzeitig angehen. Der Leidensdruck wird wachsen, wenn die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt wird. In Zukunft wird es sehr problematisch werden. Der Wandel braucht Zeit. Es ist ein Umdenken erforderlich – nicht nur in den Firmen, sondern auch in der Gesellschaft. Frauen müssen sich beispielsweise bewusst werden, dass es wichtig ist, nach dem Studium in das Erwerbsleben einzusteigen. Auch ältere Mitarbeitende sollten umdenken.
Inwieweit sind Grundlageninformationen zum Ausmass des Fachkräftemangels für die Verbandsarbeit von Swissmem wichtig? Was hat Ihnen die Studie, die wir für Sie erarbeitet haben, konkret gebracht?
Die Studie war matchentscheidend. Ohne Studie hätten wir nicht gewusst, wie wir das Problem an die Hand nehmen sollten. Sie hat zudem der Strategie Glaubwürdigkeit gegeben. B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung in Basel ist renommiert und hat das Fachkräftetool für das SECO erarbeitet. Geholfen hat auch, dass die Studie und ihre Aussagen sehr konkret waren.
[1] B,S,S. (2014): Fachkräftesituation in der MEM-Branche – Analyse zum Fachkräftebedarf in elf ausgewählten Berufsfeldern der MEM-Branche.
https://www.bss-basel.ch/de/projekte/fachkraeftesituation-in-der-mem-branche



